=>T`AMSJOUKGO Jaenal
 



Die Tscherkessen in Syrien

Nach fünf Jahren war ich diesen Mai mal wieder in den Heimatgefilden meines Vaters - Syrien. Genauer gesagt Damaskus und den Golan-Höhen. Es war wie auch früher so, dass ich als Gast sehr herzlich aufgenommen wurde. Die Zeit - 19 Tage - waren allerdings etwas knapp.

Meine Reise war zur Hälfte dazu gedacht meine Familie und Freunde wieder zu sehen und zur anderen Hälfte, eine Art Studienreise zu machen. Ich wollte mehr über die Situation der Tscherkessen in der dortigen Region erfahren.



In Syrien gibt es drei Hauptzentren, wo sich nach der Vertreibung aus der Ur-Heimat Tscherkessen angesiedelt hatten: Die Golan-Höhen in 60 km Entfernung von Damaskus, welche nun das Grenzgebiet zu Israel bilden und dann die Gegend um die zwei weiteren syrischen Großstädte Homs und Alleppo.

Das große und noch immer stark nachwirkende Trauma der Tscherkessen vom Golan ist die zweite Vertreibung von dort durch die Israelies in den 70er Jahren des 20ten Jahrhunderts. Bis zu dieser Vertreibung lebten sie dort in neun Dörfern und einer Kleinstadt - Al Quneitra. Sie konnten dort ungestört ihre Kultur und Sprache leben. Nach der Vertreibung, die viele nach Damaskus und einige sogar bis in die USA getrieben hat, hat ein starker Assimilationsprozess stattgefunden. Dem versuchen sie bis heute entgegenzuwirken. Zum einen haben sie sich zusammen in Stadtteilen von Damaskus und einem Vorort - Al Qutzeia - angesiedelt, um den sozialen Zusammenhalt zu behalten. Sie haben neue Vereine gegründet - gerade in den letzten Jahren sind noch zwei weitere hinzugekommen - und sie haben die Möglichkeit ergriffen tscherkessische Kindergärten zu eröffnen, in denen unsere Sprache und Kultur weitergegeben werden soll. Das erste Projekt dieser Art hatte seinen Beginn vor sieben Jahren in Damaskus genommen. (Mit starker finanzieller Unterstützung aus Deutschland von Dr. Ehsan Saleh und seiner Frau.) Hinzugekommen sind inzwischen zwei weitere und weitere sind in Planung. Diesbezüglich ist auch das Engagement der tscherkessischen Vereinen in Bezug auf den Erhalt der Sprache zu erwähnen: Die Vereine haben mehrere Wörterbücher für das Tscherkessische und auch die Lehrbücher für die Sprach-Kindergärten herausgegeben.



Zum Glück gibt es keine Probleme mit der Regierung. So sucht die Regierung sogar Kontakt zu den Vereinen. Z.B. gab es vor einigen Monaten einen Besuch der Frau des syrischen Präsidenten Assad in dem Dachverband der Vereine. Es gibt öffentliche Konzerte und viele Tscherkessen bekleiden hohe Positionen in Politik, Militär und Wirtschaft.

Nichts desto trotz ist der Assimilationsdruck sehr stark. So wachsen viele tscherkessische Kinder in Familien auf, wo die Eltern zwar tscherkessisch sprechen können, dieses aber nicht mit ihren Kindern praktizieren. Solange sich das nicht ändert, wird es für die Kindergärten schwierig sein, wirklich effektiv dagegen zu wirken. Auch fehlt noch ein weiterführendes Angebot, z.B. ein schul begleitender Sprachunterricht, der die Wurzeln, die in den Kindergärten gelegt werden, vertieft und in Erinnerung hält. Denn mit Eintritt in die arabischen Schulen ist die Gefahr groß, dass die Sprache wieder in Vergessenheit gerät. Die Etablierung solcher Kindergärten könnte auch für andere ein Beispiel werden: Türkei, Jordanien, die kaukasischen, tscherkessischen Republiken und vielleicht sogar für die kleine Diaspora in den USA. Möglichkeiten scheint es überall zu geben. Es müsste nur umgesetzt werden.



Ein weiteres interessantes Projekt, was in Amman (Jordanien) gestartet wurde, ist die Etablierung eines tscherkessischen Fernsehsenders - NART-TV. Dieser Sender befindet sich immer noch in der Anfangsphase und hat sich scheinbar finanziell und organisationell noch nicht gefestigt. Er bemüht sich aber sehr darum. So kann man dort inzwischen auch schon Werbung schalten, und wie wir alle wissen, sind die Werbeeinnahmen für private Fernsehsender ein zentrales Einkommen. Wir können ihnen nur Glück und Durchhaltevermögen im Aufbau dieses Senders wünschen, der mit großen Sateliten-Schüsseln sogar in Deutschland empfangen werden kann. Er könnte zu einem wichtigen Medium für die Aufrechterhaltung und Wiederbelebung unserer Kultur werden.

Die Folklore hat, wie in wohl allen tscherkessischen Regionen auch dort eine starke Bedeutung. Sie scheint den Menschen, neben dem Spaß und Kontakt auch das Gefühl der eigenen ethnischen Identität zu geben und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Es gibt allein in der Gegend um Damaskus mehrere Tanzensembles. Es finden auch dort kulturelle Veranstaltungen statt. So war ich dieses Jahr auf dem jährlich in Marje-Sultan stattfindenden Folklorefest. Marje-Sultan ist eines der tscherkessischen Dörfer, die nicht auf den Golan-Höhen liegen. Es wurde bereits im 19ten Jahrhundert von unseren Vorfahren besiedelt. Das Besondere an diesem Dorf ist: Es liegt isoliert von den anderen tscherkessischen Siedlungsgebieten und trotzdem haben es die Bewohner geschafft, ihre Sprache und Kultur zu behalten. Einmal im Jahr, im Mai, wird es inzwischen sogar ein zentraler Anlaufpunkt und es strömen dann Tscherkessen aus ganz Syrien und Jordanien dort hin. Dieses Jahr gab es an dem besagten Tag Tanzveranstaltungen, Gedichtslesungen und der bekannte, aus Jordanien stammende, tscherkessische Sänger Ivan Bakij trat auf.

Sehr interessant war auch der Besuch bei zwei älteren Personen, die noch viele der alten tscherkessischen Lieder, die in Syrien, besonders auf dem Golan komponiert und gesungen wurden, kennen. Für die nähere Zukunft wäre es sehr wichtig, dieses Liedgut zu sammeln und für die Nachwelt auf Tonträger aufzunehmen, da es sehr viel über die Geschichte der dortigen Tscherkessen erzählt, über die Ankunft der ersten Tscherkessen, und Weiteres.

Mein Besuch war für mich auch dieses Mal wieder etwas, wie ein Training in so genanter "Interkulturelles Kompetenz". Der Begriff "Interkulturelle Kompetenz" ist ja in den letzten Jahren in den öffentlichen Diskussionen in Deutschland immer öfter aufgetaucht. Er umschreibt Eigenschaften, die eigene kulturelle Prägung mit einer gewissen Distanz und Bewusstheit zu reflektieren. Sich der eigenen Sozialisation mit all den ausgesprochenen und unausgesprochenen Werten, Handlungserwartungen etc. bewusst zu sein. Und auf der anderen Seite Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund, und entsprechend z.T. anderen Werten und Verhaltensweisen, mit Respekt und einer gewissen neugierigen Offenheit zu begegnen, um mehr über sie und ihren Kultur erfahren zu wollen. Das war für mich, als sehr europäisch geprägten Tscherkessen, teilweise auch herausfordernd. Wir leben als Volk nun mal in mehreren Ländern und diese Länder üben gewollt oder ungewollt auch auf uns und unsere Kultur einen starken Einfluss aus. Dieses scheint eine der größten Herausforderungen zu sein, wenn wir als Volk überleben wollen: Uns trotz der unterschiedlichen Prägungen und Entwicklungen, die wir beschreiten, den Zusammenhalt nicht zu verlieren. Interkulturelle Kompetenz könnte eine der wichtigen Eigenschaften sein, die wir in der Zukunft entwickeln müssen.

Jaenal T´ amsjoukgo


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