Ein blutiger Krieg
„Die Jahre werden vergehen und das Leben wird sich verändern. Sehr langsam wird auch die Heimat der Tscherkessen zur Ruhe kommen. Um die Wahrheit zu sagen; Es gibt kein Plätzchen in dieser Heimat, das nicht sehr Tapfer verteidigt und mit Blut getränkt worden ist.
Eines Tages wird ein Historiker kommen- Berichte über die Ereignisse sammeln, sich Geschichten
anhören und objektiv ohne Blumen über diesen Krieg schreiben.“
K.F. Stahl ( Ein Offizier der russischen Armee, der am Krieg im Kaukasus beteiligt war )
An diese Zeilen, die ich vor 12 Jahren beim Lesen des Geschichtsromans “ Die Steinmühle“ von
Maschbassa Ishakh, Maikop 1994 aufmerksam las aber deren Reichweite nicht einschätzte, kam mir
beim Lesen dieses Artikels in Erinnerung.
Der nachfolgender Aufsatz ist der Versuch, den Ablauf und die Hintergründe des 100 jährigen blutigen " Russisch- Kaukasischen Krieges „im 18 -19.JH zu durchleuchten.
Der russische Historiker Dr.Gordin Jakob, der sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt, hat den Aufsatz verfasst und im Swesda Journal Nr.12 von 2007 in St. Petersburg veröffentlicht. Dank der tscherkessischen Übersetzung des Artikels, den ich im Internet beim Lesen der Tageszeitung " Adyghe Psall" ( Die Stimme der Tscherkessen) vom 03.07.2008 entdeckte, bin ich nun in der Lage, einen kleinen Beitrag zur Weiterleitung dieser, aus uns bis vor kurzem unzugänglichen russischen Archiven stammenden Information, zu leisten.
Anläßlich des 21. Mai ( Exodus der Tscherkessen 1864 ) habe ich mich entschlossen, für
interessierte den Aufsatz ins Deutsche zu übersetzen. Ich beabsichtige nicht alte Wunden aufzureißen oder neue Feindseligkeiten zu schüren. Möglichst emotionslos, was ja für uns unmöglich ist, mit neuen Fakten meinen Beitrag zur Aufarbeitung unserer Geschichte, zu leisten.
Hier wird nur die russische Seite angesprochen . Am Krieg haben bekanntlich einige der damaligen Großmächte , wie das Osmanische Reich sowie Großbritanien und Frankreich mitgewirkt – auch wenn es indirekt war.
Um eine vollständige Aufarbeitung dieses schicksalhaften Krieges verknüpfe ich die Hoffnung, dass auch andere Historiker animiert werden auch, die diesbezüglichen Archive dieser Großmächte auszuwerten.
Ich hoffe sehr, dass im Sprachraum dieser Großmächte interessierte Historiker, sich auch diesem Thema widmen werden um die Informationslücke zu schließen. Gleichzeitig hoffe auch ich sehr , dass die in Russland begonnene intellektuelle Diskussion über dieses Thema, nicht im Keim erstickt
wird. Die Diskussion kann auch nur fruchten, wenn sie von einer breiten Basis geführt wird.
Da Russland immer über hervorragende Intellektuelle verfügt, bin ich mir sicher, dass Dr. Gordin
kein einsamer Wolf ist.
Dr. Gordin führt aus:
Wir alle wissen,dass der Russisch - Kaukasische Krieg 100 Jahre dauerte. Bei den Kabardiner fing er an und endete bei den Ubichen ( ein Tscherkessischer Volksstamm, dessen Sprache verlorengegangen ist ) im Jahre1864.
Der Krieg erfasste zwar den ganzen Kaukasus, aber nur bei den Tscherkessen führte er zur
Entwurzelung. Zu den Kriegsopfern kamen noch die Vertreibung von 90 % der Überlebenden dazu..
Das Geschehen kann man ohne Zweifel als Genozid bezeichnen. An den Tscherkessen hat man sich so weit vergangen, dass sie vernichtende Schläge bekamen bis ihre Heimat fast geleert und ihre Entwurzelung vollendet wurde. Wenn man ein Volk soweit dezimiert und es seiner Urheimat beraubt, bezeichnet man das als Genozid.
Ob es uns gefällt oder nicht, es bleibt uns nicht erspart, die Untaten der russische Armee von damals dem tscherkessischen Volk gegenüber, mindestens heute anzuerkennen.
Das Geschehen von damals können wir nicht mehr rückgängig machen. Wir sind jedoch den Nachkommen der Vertriebenen, sowie der heute in deren Heimat lebenden Bevölkerung gegenüber verpflichtet, die Geschehnisse von damals zu durchleuchten.
Wir müssen versuchen, die Hintergründe zu finden warum dieser Krieg , dessen Flamme ständig zunahm und bei dem es keinem der Beteiligten gelungen ist, ihn einzudämmen, erbarmungslos und mit dieser Brutalität geführt wurde.
Im Jahre 1837 unternahm der Zar Nikolai I. eine Informationsreise in den Kaukasus.
Zur Vorbereitung dieses Besuches versetzte die Militärführung vorab den Feldherrn und Leiter der Leibgarde des Zaren Chan Djeri in den Kaukasus ( Chan Djeri ein Adliger aus der Krim, tscherkessische Mutter und von Tscherkessen erzogen diente beim Zaren , fühlte sich aber wie seine Vorfahren auch mit den Tscherkessen sehr verbunden und wollte zur Beendigung des Krieges beitragen. Siehe auch den Geschichtsroman, Chan Djeri „ von Maschbassa Ishakh , Maikop 1999 ; der Übersetzer )
General Philipson schreibt in seinen Memoiren: Am zweiten Tag nach unserer Ankunft in Gelinjik wurde uns mitgeteilt, dass 5 Gesandte der Schapsug und Natchuadj in dem Militär-Lager eingetroffen sind, um mit General Veliaminov über ihr Anliegen zu sprechen.
Dem General Veljaminov übermittelten die Gesandten die Bedingungen zur Einstellung der Kriegshandlungen.
Die Gesandten trugen ferner vor, dass der türkische Sultan unbefugt verlauten ließ, dass er sowohl
sie und auch ihr Land an Russland verschenkt habe.( Gemeint ist, die, im Friedensvertrag von 1829 in Edire „ Adrianopel Friedensvertrag„ ohne Legitimation und ohne Rücksprache mit den Tscherkessen , vom türkischen Sultan abgegeben Abtretungsserklärung zu Gunsten Russlands. Damit versuchte Russland seine Einverleibung des Kaukasus und seiner Bewohner zu legitimieren. Der Übersetzer )
Wir sind frei und werden unsere Freiheit mit aller Härte verteidigen. Bis die Russen sich hinter den „Kuban zurückziehen, werden wir kämpfen“. Der General Veljaminov erwiderte knapp: „Wir führen nur die Befehle unseres Zaren aus, und wenn die Tscherkessen durch den Krieg zugrundegehen, tragen sie alleine die Verantwortung für sich selbst.“
Den gestellten Bedingungen der Gesandten der Tscherkessen ist zu entnehmen, dass sie zu diesem Zeitpunkt das Gewaltpotential des russischen Imperiums nicht haben einschätzen können. Auch die russischen Generäle hatten nicht im Traum daran gedacht, dass dieser Krieg fast noch dreißig Jahre dauern und soviel Opfer an Mensch und Matrial kosten werde.
Die meisten russischen Generäle waren breit, koste es was es wolle, den Krieg bis zur Vernichtung der Bergbewohner zu führen . Einige waren auch dabei, lieber durch Verhandlungen und Handel
treiben mit den Bergbewohnern, den Krieg zu beenden.
Sie hatten jedoch keine Chance.
Nachdem der General Veliaminov, bestimmend und ultimativ mit den Gesandten der
Tscherkessen gesprochen hatte, übergab der General Simborsk den gesandten der Ubich
ein Schriftstück mit folgendem Inhalt" Wenn ihr euch dem Majestät Imperator ergebt, wird es euch zugute kommen und ihr werdet in Frieden leben. Angriffe werden aufhören und ihr könnt Handel
mit uns treiben- ihr werdet euch entwickeln und euer Ansehen steigern.
Ferner versprach der General den Ubichen, dass ihre Traditionen und Religion von niemandem angetastet werden und sie die Preise ihrer Produkte selber bestimmen werden"
Dieses Friedensangebot des Zaren war jedoch mit Bedingungen verknüpft wie :
Waffenniederlegung - Einstellung aller Kriegshandlungen. Isolierung der Widerstandsbefürwörter und Einzelkämpfer-sowie Übergabe von " Garantiegeiseln" und russischer Gefangene und Überläufer."
St. Petersburg machte dem russischen Unterhändler klar, dass er mit keinem Punkt dieser Bedingungen nachgeben darf.
Das Friedensangebot des Generals Simborsk war nicht mit den Bedingungen des Zaren zu vergleichen. Die Bedingungen konnten nur abgelehnt werden, und führten zur Verhärtung der Fronten.
Im Jahre 1837 war die russische Militärführung nicht in der Lage, unter diesen Bedingungen den Krieg zu beenden.
Die Ubichen stellten General Simborsk die Frage“ wenn wollt ihr uns vorsetzen und wessen Befehle sollen wir gehorchen ?. Wer sind wir denn für euch ? Wenn ihr unsere Heimat verlaßt werden wir euch nicht bekämpfen.“
Die Schapsugh und Natchuadg sowie die Abdzach gaben zwar diplomatischere Antwort, aber auch sie waren nicht bereit unter diesen Bedingungen den Widerstand einzustellen.
Von 1840- 1859 zerstörten die Tscherkessen mit täglichen Angriffen zahlreiche von den Russen errichtete Forts an der Schwarzmeerküste. 19 Jahre nach diesem Gespräch, ist der Krieg mit unverminderter Härte geführt worden.
Ende 1859 stimmten die Abdzach einem Waffenstillstand zu. Ihnen wurde zugesichert- sie können
Ihren Glauben und ihre Tradition frei ausüben und in ihre Heimat bleiben. Ihr Anführer Muhammed Amin, der sich den Russen übergab und die Abdzach versprachen ihren Widerstand einzustellen.
Die Nachricht, dass die Abdzach den Kriegsschauplatz verlassen haben, wurde in St. Petersburg mit Freude aufgenommen. Sie wurde zu mindestens so verkündet , als ob. Für das Militär war das Abkommen mit Argwohn und Skepsis verbunden. Der Oberbefehlshaber der Armee Generalfeldmarschall Bariatinsk war nicht bereit die Kriegsführung einzustellen. Die Generäle waren sich dessen bewußt, dass wenn die Abdzach nicht mehr mitkämpfen , die anderen Stämme leichter zu besiegen waren.
Sie waren jedoch nicht erfreut darüber, dass die Abdzach sich ergeben haben. Die russische Armee
würde nun die Situation unterschätzen und sich täuschen lassen.
General Oleschevske schreibt in diesem Zusammenhang: „ Nur um uns zu täuschen hat sich Muhammed Amin ergeben und versprach, dass auch die Abdzach sich ergeben haben , aber die meisten von denen denken gar nicht daran, ihren Widerstand aufzugeben. Verhandlungen mit denen, wäre zwecklos . Sie wollen uns nur täuschen. Militärisch wäre es schmachvoll sich auf die Abdzach zu verlassen.“
Es gibt viele Rechtfertigungen warum all diese Gespräche zwischen den Tscherkessen und Russen
zu nichts anderem geführt hatten als zur Intensivierung und Verhärtung des Krieges. Jede Seite versuchte die andere Seite mit Härte und Brutalität zu übertreffen. Zahlreiche Erlebnis-Berichte liefern den Nachweis über die Brutalität dieses Krieges wie z.B.“ Heute sind zahlreiche Gefallene Bergbewohner in unsere Hände gefallen schreibt Filipson .“ die Leichen hatte man enthauptet und deren Köpfe in Leinentücher gewickelt- Wiliaminov zahlt pro Kopf 10 Rubels und schickt ihn für wissenschaftliche Studien zur Akademie Filipson schreibt wie gewohnt weiter :General Sass gab zur Enthauptung der Gefallenen selbst den Befehl- nahm die Köpfe mit zu seinem Quartier .
Ein Jahr später traf ich Sass in Stawropol. Er saß in seinem Schlitten und zog einige Schlitten mit. Auf meine Frage : „Wohin mit den Schlitten und der Fracht Hoheit.“ General Wiliaminov will ich besuchen“ antwortete er und zeigte mir die Fracht auf seinen Schlitten. Als ich die Schädel sah ist mir übel geworden. Es waren über 100 Schädel
Ich schreibe all das um zu zeigen, mit welcher Brutalität die Generäle, die die Bergbewohner in diesen blutigen Krieg verwickelt haben, den Krieg geführt haben. Es war auch der Grund, warum die Bergbewohner bis zum bitteren Ende gekämpft haben und ihre Heimat verlassen mussten .
Dass die Tscherkessen Ihre Heimat zu verlassen haben, wurde vom Oberbefehlshaber der kaukasischen Front Miliotin Dmitri beschlossen. 1857 schreibt dieser „ Diese ( gemeint die Tscherkessen) müssen zum Don umgesiedelt werden. Um Stawropol gibt es kein leeres Gebiet- unser Hauptziel muß es sein diese von ihrer Heimat zu vertreiben und sie hinter den Kosaken umzusiedeln und die Kosaken in den Kaukasus umzusiedeln. Bis wir soweit sind, müssen wir denen unser Vorhaben langsam beibringen
Der Befehlshaber der kaukasischen Front Bariatinsk war mit dem Vorschlag Miliotin einverstanden.
„Ein Volk, das unser Vorhaben nicht akzeptieren will, verdient keine Gnade - unser Land braucht ihre Heimat und wir müssen sie von dort vertreiben.“
Das kaukasische Komitee in St. Petersburg war nicht mit dem Vorschlag Miliotins und Bariatinsk
einverstanden. Nach dem sich das Komitee den Vorschlag angehört hatte, gab es zu bedenken, dass
es den Tscherkessen nichts teueres als ihre Heimat gibt und sie den Tod der Umsiedlung zum Don
vorziehen werden – nicht mal einzelne geschweige denn das ganze Volk kann man überreden.“
Wenn wir denen dieses Vorhaben offenbaren würden, werden sich alle vereinen und gemeinsame gegen uns kämpfen. Selbst die, die sich bereits beruhigt haben, werden die Kampfhandlungen
wiederaufnehmen.
Als dieses Gespräch aufkam war der Krieg in Daghestan und Tschetschenien noch nicht zu Ende. Erst zwei Jahre später (1859 ) kapitulierte Schamil.
Die Militärführung in St. Petersburg hatten genau das befürchtet, dass sich alle Bergbewohner vereinigen und eine gemeinsame Front gegen die Russen bilden würden.Die Generäle wussten genau, welche Folgen dies haben würde.
März 1858 schrieb Glovnin Alexander an Milotin : „Es gibt keinen Staat, der zur Kriegsführung
300 Tausend Soldaten von denen jährlich 30 Tausend fallen, halten kann. Welcher Staat opfert mehr
als er gewinnt?“
Dass, die Last des langen zermürbenden Krieges den russischen Staat immer mehr schwächte und nicht mehr länger zu Schultern ist, und die Notwendigkeit bestand diesen Krieg langsam zu beenden ,war den russischen Führern bewußt geworden .
St. Petersburg hätte dies vorgezogen. Das Militär jedoch jedoch nur taube Ohren.
Auch die Tscherkessen waren damals noch nicht bereit, den Krieg zu beenden. Dafür hatten sie auch triftige und plausible Argumente.
Hinzu kam, dass sie nicht ausreichend informiert waren , über welches Potential das russische Imperium, dass denen diesen Krieg aufgezwungen hat, verfügte. Sie konnten nicht einschätzen, welchen langen Atem das russische Imperium hat..
Hinzu kam, dass sie auch von englischen Beratern, die sie immer wieder ermunterten, den Krieg weiterzuführen, getäuscht wurden. Die englischen Spione heizten den Krieg unentwegt an.
Der Anführer der kaukasischen Armee General Bariatinsk und seine Generäle hatten genau darauf gewartet: Den Krieg noch anzureizen- die Tscherkessen vernichtend zu schlagen und sie von ihrer
Heimat zu vertreiben und anschließend den Bergvölkern die Schuld zuzuschreiben.
Es hat sich alles zum Nachteil der Tscherkessen entwickelt.
Der Beschluß, der das schreckliche Schicksal der Tscherkessen besiegelte, wurde 1860 gefaßt.
In diesem Zusammenhang schrieb Miliotin:Generalleutnant Filipson und Graf Evdokimov haben
sich nicht über die Art der Kriegsfühung am Kuban Fluß einigen können.
Filipson war der Meinung, dass die Westkaukasier nicht wie die Ostkaukasier zu behandeln sind.
Die Art unserer Kriegsführung in Daghestan und Tschetschenien können wir nicht gegen die Tscherkessen, und insbesondere gegen die Schapsug und Ubich anwenden .
Wir müssen behutsamer mit denen umgehen. Eine harte Gangart mit ihnen, wird die Europäer insbesondere die Engländer veranlassen, sich eventuell aktiv am Krieg zu beteiligen. Filipson war der Meinung, dass man mit Diplomatie bei allen Kaukasiern- ohne sie an der Ausübung ihrer Traditionen und Handel mit der Türkei zu stören- mehr erreichen kann.
Nach 30 Jahren Diensterfahrung habe Filipson Grigori bis jetzt nicht verstehen können, weshalb man sich nicht auf friedlichem Weg mit den Bergbewohner einigen konnte. Hat man gerade den Eindruck gewonnen, man habe sich mit denen geeinigt- ob kurz oder lang - wurde man getäuscht.
Ich glaube, dass auch Filipson wußte, dass die Tscherkessen nicht so leicht zu gewinnen waren .
Um sie mit Verhandlungen zu überzeugen bedarf es lange Zeit, und geduldige Überzeugungsarbeit
Der Generalleutnant Filipson war ein humaner Mensch, der 25 Jahre im Kaukasus verbracht hatte-
und die Tscherkessen , ihre Sitten und Gebräuche eingehend studierte und sie verstand.
Er ließ keine Zweifel daran, dass man sie nicht mit Härte und Gewalt sondern mit gerechter Behandlung gewinnen würde..
Die Abdzach hatte man 1859 mit Verhandlungen zu einem Waffenstllstandsabkommen überzeugen können, Dass, sie später die Kampfhandlungen wiederaufnahmen – war nicht Filipsons Schuld sondern die der Generäle , die Filipsons Rat nicht folgen wollten.
Miliotin schreibt an andere Stelle:“ Nach Filipson ergriff Graf Evdokimov das Wort und konnte die anderen Generäle überzeugen, dass sich Filipson irre. Seinen Vorschlag setzte er durch- Die Berge von den Tscherkessen zu räumen so dass, ihnen nur die Alternative bleibt - entweder zu den Kosaken oder in die Türkei umzuziehen
Das endgültige Schicksal der Tscherkessen wurde 1861 beschlossen . Am 16. September trafen die
Vertreter der Abdzach und Ubich sowie der Schapsug mit dem Zaren Alexander II zusammen.
Den Memoiren von Miliotin ist folgendes zu entnehmen:“Als erster sprach ein Gesandter der Familie Berzedg ( gemeint ist der Anführer Barsedg Geranduko . Red.) mit dem Zaren.Nach seiner Ansprache trat der Vertreter der Abzach hervor und übergab dem Zaren ein Schreiben In diesem Schreiben signalisierten die Abdzach ihre Bereitschaft einem Waffenstillstand für alle Zeiten zuzustimmen und brachten zum Ausdruck, dass sie bisher aus Unkenntnis Blut vergossen haben.
Dem Zaren haben sie ihre Bitte vorgetragen. Auf das Gebiet zwischen den Flüssen Labe und Kuban bis zum Gebiet der Schapsug würden sie keinen Anspruch mehr stellen, dafür sollte Russland keine Forts und fremde Siedlungen und Straßen , die ihre Landwirtschaft stören , in ihrem Gebiet errichten. Darauf gab der Imperator nur eine kurze und schroffe Antwort.“ Wenn ihr euch ergeben wollt akzeptiere ich keine Bedingungen. Meine Anweisungen wie ihr zu leben habt habe ich meinen Armeeführern erteilt. Wendet euch mit eueren Anliegen an General Evdokimov. .
Wie Miliotin weiter berichtet, „die Bergbewohner waren sehr aufgeregt als sie die Antwort des Zaren vernommen hatten- die jenigen, die sich den Russen ergeben wollen, wollen sie sich sondieren.
Die Ubich und Schapsug wollten den Krieg bis zum Schluß fortsetzen- während die Abdzach noch ein Gespräch mit Evdokimov abwarten wollten .Das Gespräch mit Evdokimov brachte jedoch keine Hoffnung für die Tscherkessen. An dieser Stelle sind alle positiven Initiativen zur Lösung des Konfliktes, begraben worden.
( an dieser Stelle möchte ich auf die 1914 veröffentlichten Memoiren des Tscherkessen Sichy Safarbi , die u. A. in den Büchern von Tschamissy Gasi in „ Der Ruf der Heimaterde „ vier sprängen 1999- 2004 Maikop Ankara und Amman und von Khyikho Asfar in „ Die Wege der Tscherkessen „ Maikop 2003 erschienen sind näher eingegangen wurde, hinweisen.
Ebenso auf den Geschichtsroman von Maschbasse Ishak „ Die Steinmühle , Maikop 1994 )
möchte ich besonders hinweisen.
Interessant ist dabei die Darstellung des Dialogs zu dieser schicksalhaften Begegnung der Tscherkessen mit dem Zaren Alexander II . Ein näheres Eingehen darauf wird den Rahmen dieses Artikels sprengen . Ich werde daher nur auf sehr heiß unter den Tscherkessen diskutierten Argumente der Vertreter der Bzedeghy Hadjemkhya und der Abdzach Tsei Haterbai kurz eingehen und zur Vertiefung der Hintergründe auf die bereits erwähnten Bücher hinweisen. Während Hadjemkhya der Meinung war – um die Heimat für die kommende Generation zu retten- bedingungslos zu kapitulieren -war Tsai Haterbei der Meinung, dass bei einer Kapitulation die Tscherkessen durch Russfizierung wie eine Prise Salz im Wasser gänzlich verschmolzen werden und keine kommende Generation übrig bleiben würde ,die die Heimat der Tscherkessen, erben kann. „Eine heute zu stellende hypothetische Frage; ob die Entschlossenheit der Russen , den Kaukasus ohne seine Bewohner sich einzuverleiben - durch Haltungsänderung beeinflußbar gewesen wäre, läßt Zweifel aufkommen. Der Übersetzer ).
Wenn man die Memoiren Miliotins betrachtet, wird es einem klar, dass er nicht über alle
Initiativen informiert war. Aus den Dokumenten ist zu entnehmen, dass der Zar vor der Begegnung mit Vertretern der Tscherkessen 1861 eine positivere Wendung herbeiführen wollte
Um darüber zu sprechen hatte sich der Imperator mit seinen Generälen getroffen. Ich glaube, dass es damals noch keinen endgültigen Entschluß zum Schicksal der Bergbewohner gab – ob sie in ihrer Heimat bleiben können oder nicht- vom Zaren gefaßt worden war. Dabei beziehe ich mich auf „Die Memoiren aus dem Kaukasus“ von Veniukov M.I. 1880 , russisches Archiv T, I.
„ Ich sehe mich veranlasst , über die von vielen unbekannte Tatsache zu berichten. Viniukov M. I. schreibt: „Als wir den Kaukasus erreichten, entschloß sich der Imperator die Bergbewohner zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Und ich glaube, dass damals noch kein Entschluß gefasst worden war- ob sie vertrieben werden sollten oder ihnen - bis auf die Forts ihre Heimat überlassen werden sollte..
Auch der „ die Regierungszeit des Zaren Alexander II.1871“ ist nicht eine Absichtserklärung - den Tscherkessen die Heimat zu nehmen , zu entnehmen. Dort lesen wir. „Die Bergbewohner von ihrer
Heimat zu vertreiben , wird uns sehr viel Opfer und Kosten abverlangen.“
Bei dieser Begegnung versicherte der Zar den Vertretern der Tscherkessen, dass ihre Sitten und
Vermögen nicht angetastet werden sollen und außer den bereits errichteten Forts und Wehrsiedlungen keine weiteren Gebiete beansprucht werden. Als Gegenleistung, sollten die Tscherkessen ihre russischen Gefangene und Überläufer den Russen übergeben.
Die Tscherkessen sollten über diesen Vorschlag bis zum nächsten Tag nachdenken. Sie taten dies auch und übermittelten dem Zaren mit der Aufforderung, dass die Russen sich von den Ufern der Kuban und Laba- Flüsse zurückziehen müssen Dies entspricht den Tatsachen. Der Berichterstatter Venjukov war jedoch nicht über alles informiert. Aber ich weiß es (Dr. Gordin hat hier keine Quelle genennt, der Übersetzer). Als der Zar die Delegation der Tscherkessen getroffen hatte, kam Graf Evdokimov in Bedrängnis. Er hatte die Befürchtung, dass wenn die Tscherkessen die Waffen niederlegen würden, werden sie, anders als sein Vorhaben ihre Heimat nicht räumen müssen .
Evdokimov dachte sich eine List aus. Um die Tscherkessen irrezuführen schickte, er in der Nacht seinen Stellvertreter General Abdurrahman mit der Botschaft „der Zar wäre guten Willens und sei bereit ihnen alle Wünsche zu erfüllen. Sie sollen daher vom Zaren verlangen, dass er seine Armee vom Ufer von Laba und Kuban zurückziehen und die Wehrsiedlungen, die am Meer errichtet worden sind zu räumen. Mit der Täuschung und Irreführung der Tscherkessen, die harte Bedingungen an den Zaren stellten veranlaßte den beleidigten Zaren seine wohlwollende Haltung zu ändern.
Evdokimov erreichte so sein ersehntes Ziel. auch den Zaren auf seine Seite zu ziehen.
Veniokovs Aussage läßt keinen Zweifel zu. Alexander II entging auch nicht, dass der lange Krieg
für Russland eine große finanzielle und menschliche Belastung war. Der Zar war sich auch dessen bewußt, dass die Einverleibung der Tscherkessen noch weite Opfer und Kosten verursachen würde. Für die Generäle, die dazu entschlossen waren, koste was es wolle herbeizuführen, spielten diese Überlegungen keine Rolle.
Was auch immer sich abgespielt hat, die Tscherkessen konnten nicht mehr so bleiben wie sie waren.
Die Zeit hatte sie soweit gebracht, dass sie nur noch die Wahl hatten, entweder sich den Russen zu ergeben oder bis zum bitteren Ende zu kämpfen.
Die zweite Alternative, die zur Tragödie führte, wurde ihr Schicksal. Russland hat ihnen nichts Gutes gebracht.
Evdokimov hat nichts unversucht gelassen, um den Tscherkessen das größte Unglück zu bringen.
Wer ist dieser grausame General ?
Uns ist es bekannt, dass er im Dorf Nauske ( Tschetschenien ) geboren ist. Aus einer armen Kosaken- Familie stamme. Bis es sein Vater zum Fähnrich bringen konnte , diente er 29 Jahre in der russischen Armee.
Er diente auch in der Armee. Am Krieg in Dagestan war er beteiligt. Mehrfach wurde er verwundet und brachte es zum Stabsoffizier. Seit seiner Kindheit waren die Bergbewohner seine Erzfeinde. Er konnte sie nicht ausstehen und gab dies offen zu. Bei seinen Kriegskameraden war er als hart und blutrünstig bekannt.
Dass Evdokimof die Soldkasse seiner Soldaten bestahl, war bekannt. Ihm wurde aber verziehen.
Als den Feldmarschall Bariatinsk über den Diebstahl informierte wurde, antwortete dieser.“ Laßt ihn doch- mit wieviel Millionen kann er damit Russland schädigen? Wenn er dafür den Kaukasus erobert- wie viel Millionen kann Russland dann sparen.“. Deshalb verzieh man ihm alles. Bariatinsk wußte, dass man zur Eroberung des Kaukasus solche erbarmungslosen Männer wie Evdokimov braucht. .
Wenn wir unseren Ausgangsbegriff Genozid aufgreifen, werden wir feststellen, dass den Tscherkessen als man sie von ihrer Heimat vertrieben hatte, nichts anlasten konnte, womit man das was man ihnen angetan hat vergleichen kann . Sie hatten nichts getan, dass ihr Blutvergießen und ihre Vertreibung rechtfertigen kann.
Für die meisten von denen, mit Ausnahme der Anführer und Reichen, war die Auswanderung in die
Türkei mit Unheil verbunden
Der berühmte abchasische Wissenschaftler Dzidzarie Giorgi : „Die Auswanderer müßten ihr Hab
sehr billig verkaufen, weil sie ihre Tiere nicht in die Türkei mitnehmen dürften. Sowohl von der russischen als auch von der türkischen Seite wurde ihnen das Mitnehmen ihrer Tiere versagt.
Selbst wenn sie es gestattet hätten, war es nicht möglich die Tiere übers Meer mitzunehmen.“
Dzidzarie schreibt weiter: „Die Welt der Bergbewohner ist über Nacht zusammengebrochen. Sie haben nie damit gerechnet, dass sie so plötzlich alles aufgeben müssen.“
Ihnen blieben nur noch diese Tiere, die sie nun nur noch sehr billig verkaufen mussten Ein gesatteltes Pferd brachte nur 5 Rubel ein. Ein rein-rassiges Pferd brachte gerade 20 ein. Ein gutes Schwert, das zuvor 200-300 Rubel kostete mussten sie für 30-40 verkaufen. Dzidzarie schreibt: „ Um die Waffen, die sie ihr ganzes Leben getragen haben nicht zu verkaufen, haben viele sie ins Meer geworfen“
Vor ihrer Verschiffung in die Türkei häuften sich viele Tausende Tscherkessen am Meer. Das Ufer
war überseht mit ihren Leichen und denen , die mit dem Tod kämpfenden unglücklichen Auswanderern.
Viele Russen und Fremde haben das Elend miterlebt..Einer von denen hat später darüber berichtet:
Da Evdokimovs Befehl keinen Aufschub duldete, wurden die Tscherkessen von ihren Bergen zum
Ufer des Meeres vertrieben . Aber wo sollten so viele Schiffe herkommen, die diese Masse so schnell mitnehmen kann?
Diese Tragödie hat unzählige Szenen.
In „Die letzte Schlacht mit den Bergvölkern des Nordkaukasus“ bei (Sammlung des Kaukasus
1977, T. II ) schreibt Drosdov I. „ Das was man unterwegs sah, brach einem das Herz .“Zerstreute, von den Hunden zerfetzte Leichen von Säuglingen, Frauen, Greisen liegen am Ufer des Meeres. Die sich noch auf den Beinen halten können, sind sehr wenige. Geschwächte von denen werden noch von den Hunden attackiert. Geizige türkische Kapitäne stopfen die Tscherkessen in die Boote-unterwegs Erkrankte werden ins Meer geworfen- die Hälfte erreichen die Türkei nicht. Mit soviel Elend kann kein Mensch bestraft werden.“ Dies ist was auch Adolf Berge, Abramov Jakob und andere es bezeugen.
Der General und Wissenschaftler Fadeev Rostilav, der zuvor gesagt hatte „ Russland braucht und will die Heimat der Tscherkessen haben , es braucht aber die Tscherkessen nicht“. Als er erfuhr, zu welcher Tragödie diese Politik für die Tscherkessen zuletzt geführt hat, entschuldigte er sich später dafür.
Die Frage , ob man diese Tragödie nicht hätte verhindern könnte, läßt sich schwer beantworten.
Als Fazit steht für mich fest, dass die Generäle, die den Krieg im Kaukasus angezettelt hatten und die Art wie sie ihn geführt hatten, den falschen Weg gewählt haben .
Russland hat den Tscherkessen nur Unheil gebracht.
„ Was passiert ist ist passiert, man kann es nicht mehr ändern, sagen manche“.Diese, sind für mich
im Irrtum. Denn sie wollen die Schuldigen nicht benennen . Wenn man wie es die Geschichte geregelt hat als Gegebenheit akzeptieren, wer trägt dann die Schuld und Verantwortung ??
Man muß den Schuldigen benennen.
Wiederholt sage ich, dass das, was man den Tscherkessen angetan hat nur mit Genozid bezeichnen
kann, und dass der russische Staat nicht einfach verschweigen kann, sondern sich dazu bekennen und sich entschuldigen muß.
Gordin Jakob
Übersetzt von Hafeza Muhamed ins Tscherkessische ( Kabard. ) und von Omar-Farouk Tamzok ins Deutsche Mai 2009